Samstag, kurz nach sieben. Auf dem Graben stellt ein Kellner die ersten Stühle raus, das Klappern hallt zwischen den Fassaden. Zwei Straßen weiter steht der Stephansdom im Morgenlicht, das Ziegeldach glänzt, und außer ein paar Frühaufstehern schaut niemand hin. Wien gehört um diese Zeit denen, die schon wach sind. Genau so beginnt dieses Wochenende.
Für zwei Tage ist Wien eigentlich zu groß, und trotzdem geht es sich aus. Der Trick liegt in der Beschränkung: eine Zone am Samstag, eine am Sonntag, dazwischen keine Querfahrten durch die Stadt. Halte das durch, und du siehst weniger Punkte auf der Liste, aber mehr von Wien.
Samstag: die Innere Stadt zu Fuß
Der erste Tag braucht kein einziges Verkehrsmittel. Vom Stephansdom führt der Weg über Graben und Kohlmarkt zur Hofburg, dann durch den Burggarten zur Ringstraße. Wer ein Museum will, wählt eines: Kunsthistorisches Museum oder Albertina, nicht beides. Zwei Stunden reichen, wenn man sich auf wenige Säle beschränkt.
Zwischen den Prachtachsen liegt das andere Wien, und dorthin gehst du besser mit Absicht. Hinter dem Dom beginnt ein Netz enger Gassen mit Namen wie Blutgasse und Schönlaterngasse, dazwischen Innenhöfe, in die man einfach hineinschauen darf. Ein paar Gassen weiter, am Judenplatz, steht das Mahnmal für die ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden: ein geschlossener Betonquader, dessen Wände aus Buchrücken bestehen.
Mittags lohnt der Naschmarkt, ein paar Gehminuten hinter der Oper. Zwischen den Ständen riecht es nach Gewürzen und gebratenem Käse, man isst im Stehen oder ergattert einen Tisch. Samstags hängt sich am westlichen Ende der Flohmarkt an, ein Programmpunkt für sich. Die Lokale an der Marktfront sind deutlich touristischer als die Stände dahinter.
Der Nachmittag gehört dem Kaffeehaus. Ein Melange, ein Stück Torte, eine Zeitung vom Holzbügel. Niemand drängt, das ist der Punkt: Die Wiener Kaffeehauskultur steht seit 2011 auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes, und zu diesem Erbe gehört das Recht, zwei Stunden bei einer Tasse zu sitzen. Abends hast du die Wahl zwischen Beisl und Oper. Stehplatzkarten machen einen Opernabend auch spontan möglich, mit etwas Anstehen vor der Vorstellung.
Sonntag: Schönbrunn und ein letzter Bogen
Am Sonntag bringt die U4 einen zur Station Schönbrunn. Wer nur den Park besucht, braucht kein Ticket: Die Wege hinauf zur Gloriette, der Blick zurück über das gelbe Schloss und die Stadt dahinter sind der eigentliche Grund, hier zu sein. Für die Schauräume gilt: vorab reservieren, sonst frisst die Schlange den halben Vormittag.
Im Park steckt mehr als dieser eine Blick. Der Tiergarten Schönbrunn geht auf eine kaiserliche Menagerie von 1752 zurück und gilt als ältester bestehender Zoo der Welt. Daneben liegen das Palmenhaus und, weiter hinten im Gelände, eine künstlich angelegte römische Ruine. Mit Kindern plant man hier eher einen ganzen als einen halben Tag.
Zurück im Zentrum bleibt Zeit für das, was am Samstag liegen geblieben ist. Ein Spaziergang über den Ring, ein Blick in die Karlskirche oder einfach noch einmal das Kaffeehaus von gestern. Alternativ füllt das Belvedere den Nachmittag: zwei Barockschlösser mit einem Garten dazwischen, im oberen hängt Klimts "Der Kuss". Wien belohnt Wiederholung.
Die Bezirke, in denen Wien wohnt
Die Innere Stadt ist Kulisse, Museum und Bühne zugleich. Das Leben findet außerhalb des Rings statt. Am nächsten liegt der 7. Bezirk Neubau: Die Neubaugasse reiht kleine Läden aneinander, und am Spittelberg stehen Biedermeierhäuser in Fußgängergassen, in denen abends jedes zweite Erdgeschoss ein Lokal ist.
Jenseits des Donaukanals beginnt die Leopoldstadt. Rund um den Karmelitermarkt sitzt man samstags zwischen den Ständen, wenige Minuten weiter öffnet sich der Augarten mit seinen Alleen und den beiden wuchtigen Flaktürmen aus dem Zweiten Weltkrieg. Dahinter liegt der Prater, dessen Hauptallee schnurgerade und kilometerlang durch die Auen führt, vorbei am Riesenrad.
Als dritte Ecke taugt das Servitenviertel im 9. Bezirk, klein und voller Gastgärten, oder das Freihausviertel im 4., gleich hinter dem Naschmarkt. Keines dieser Viertel hat eine Sehenswürdigkeit, die in Reiseführern fett gedruckt steht. Genau deshalb funktionieren sie am zweiten Tag so gut.
Essen, trinken, sitzen bleiben
Drei Institutionen tragen die Wiener Gastronomie. Das Beisl ist das Wirtshaus der Stadt: Gulasch, Backhendl, Schnitzel, Bier vom Fass, Holztische. Der Würstelstand steht an Straßenecken und liefert die Käsekrainer um Mitternacht. Und das Kaffeehaus ist der Ort, an dem du im Grunde einen Tisch mietest und Kaffee dazubekommst.
Beim Bestellen hilft ein Blick auf die Begriffe. Eine Melange ist Espresso mit heißer Milch und Schaum, ein Verlängerter ein mit Wasser gestreckter Espresso, ein kleiner Brauner ein Espresso mit einem Schälchen Obers. Auf die Bestellung "einen Kaffee" folgt zuverlässig eine Rückfrage. Das Glas Leitungswasser dazu ist selbstverständlich.
Am Stadtrand kommt die vierte Institution dazu: der Heurige. In Grinzing, Nussdorf, Neustift am Walde und im weniger bekannten Stammersdorf schenken Winzer eigenen Wein aus und stellen ein kaltes Buffet dazu. Ein ausgehängter Föhrenbuschen über der Tür zeigt an, dass ausgesteckt ist. Für ein Wochenende ist das ein Abend, kein Nachmittag, denn die Fahrt hinaus dauert.
Anreise, Öffis und der Ring
Wien liegt für den deutschsprachigen Raum günstig. Aus München fährt der Railjet in gut vier Stunden, aus Salzburg in knapp drei, aus Zürich dauert die Tagesverbindung deutlich länger und lohnt eher als Nachtzug. Die meisten Fernzüge halten am Hauptbahnhof, von dort sind es mit der U1 wenige Minuten zum Stephansplatz.
Der Flughafen Wien-Schwechat liegt südöstlich der Stadt. Die Schnellbahn S7 fährt in rund 25 Minuten zur Station Wien Mitte, der City Airport Train dieselbe Strecke ohne Halt und entsprechend schneller, dafür teurer. Beide enden mitten im Zentrum. Ein Taxi lohnt sich fast nie.
Vor Ort reicht ein Zeitticket über 24, 48 oder 72 Stunden. U-Bahn, Straßenbahn und Bus laufen auf demselben Ticket, entwerten musst du nur einmal, beim ersten Einsteigen. In den Nächten von Freitag auf Samstag und von Samstag auf Sonntag fährt die U-Bahn durchgehend, sonst übernehmen Nachtbusse. Für den Ring brauchst du keine Rundfahrt: Die Straßenbahnlinien 1 und 2 decken ihn gemeinsam ab, zum normalen Fahrpreis.
Die richtige Jahreszeit, der richtige Wochentag
Frühling und Herbst sind ideal: mildes Gehwetter, klare Luft, volle Gastgärten. Der Sommer kann in der steinernen Inneren Stadt heiß werden, dann helfen Parks, Museen und das Wasser an der Alten Donau über den Nachmittag. Der Advent ist stimmungsvoll und die vollste Zeit des Jahres. Im Januar und Februar dagegen ist die Stadt leer, dafür läuft die Ballsaison.
Wichtiger als die Jahreszeit ist der Wochentag. Viele Museen haben einen Schließtag unter der Woche, und der Sonntag ist in Österreich Ruhetag im Handel: Supermärkte und die meisten Geschäfte bleiben zu. Lokale, Museen und die Bahnhofsgeschäfte haben offen. Wer sonntags einkaufen möchte, erledigt das besser am Samstag.
Was du in Wien auslassen darfst
Die Fiakerfahrt sieht auf Fotos gut aus und zeigt in zwanzig Minuten wenig, was du zu Fuß nicht besser sehen würdest. Die Sachertorte im berühmtesten Haus der Stadt bedeutet vor allem Anstehen, und gute Konditoreien gibt es in Wien an jeder zweiten Ecke. Auch die großen Sightseeing-Pässe rechnen sich nur, wenn du Museen im Akkord abarbeitest. Genau das ist hier nicht der Plan.
Wasser kaufen kannst du dir ebenfalls sparen. Wien bezieht sein Trinkwasser über zwei Hochquellenleitungen aus den Alpen und schenkt es in jedem Lokal aus der Leitung aus. Im Sommer stehen zusätzlich Trinkbrunnen in der Stadt.
Woran erste Wien-Besuche scheitern
Der häufigste Fehler ist die Kaiser-Sammelkarte im Kopf: Hofburg, Schönbrunn und Belvedere an einem Tag. Alle drei sind Schlösser, alle drei haben Prunkräume, und nach dem zweiten verschwimmen sie zu einem einzigen goldenen Saal. Nimm eines gründlich und lass die anderen für das nächste Mal liegen.
Der zweite Fehler betrifft die Entfernungen. Wien wirkt auf dem Stadtplan kompakt, weil der Ring die Innere Stadt so ordentlich einrahmt. Schönbrunn, Prater und Grinzing liegen aber deutlich außerhalb, und jeder dieser Ausflüge kostet mit Hin- und Rückweg gut eine Stunde reine Fahrzeit. Zwei davon an einem Tag gehen sich nicht aus.
Der dritte ist ein Missverständnis über den Ton. Die berühmte Wiener Grantigkeit im Kaffeehaus ist selten böse gemeint, sie gehört zum Haus wie der Marmortisch. Grüß freundlich, bestell klar und bleib sitzen, dann bekommst du genau denselben Ton zurück. Zurückgegrantelt wird in Wien nur unter Profis.
Was zwei Tage Wien kosten
Unterkunft und Anreise sind die größten Posten, beide lassen sich mit früher Buchung deutlich drücken. In der Stadt selbst bleibt Wien moderat: Ein Zeitticket für die Öffis kostet wenig, viele Wege gehen ohnehin zu Fuß. Kalkulieren solltest du Eintritte für ein Museum und für Schönbrunn sowie ein gutes Abendessen.
Konkrete Beträge stehen hier bewusst nicht. Eintritte und Ticketpreise ändern sich, und einzelne Häuser heben sie mitten in der Saison an. Prüf die Preise und die Reservierungslage für Schönbrunn kurz vor der Reise direkt beim Betreiber. Das Kaffeehaus ist teurer als der Bäcker, dafür mietest du dort einen Tisch für den halben Nachmittag.
Zwei Städte, eine Zugfahrt entfernt
Wie man ein Städtewochenende grundsätzlich aufbaut, steht in unserer Übersicht zu Städtereisen. Wer nach Wien Lust auf mehr hat: Prag an einem Wochenende liegt nur eine Zugfahrt entfernt, und Rom an einem Wochenende zeigt, wie das Zonenprinzip in einer viel größeren Stadt funktioniert.
